Niklas Heese - Architekturstudent in Shanghai

Studentenleben in Shanghai – Das erste Semester ist vorbei.

Redaktion Ausbildung und Berufsgründung

Unter der Baggerschaufel bricht das marode Shikumen-Haus in sich zusammen und in kürzester Zeit erinnern nur noch die alten Bodenbeläge hier und da daran, dass hier vor einer Woche noch ein belebtes Lilong-Wohnviertel stand. Es muss einem modernen Wohnturm-Compound weichen, die ehemaligen Bewohner müssen sich außerhalb der Stadt ein neues Zuhause suchen. Auf diese Weise verliert Shanghai langsam aber stetig Orte, deren lebendige Atmosphäre eigentlich von unschätzbaren Wert ist und nicht mit der von Wohntürmen in ihrer massenhaft vervielfältigten Anonymität zu ersetzen ist. Sie ist symptomatisch für die Geringschätzung von Tradition und allem Alten, die man hier in China immer wieder antrifft.

Boden nach AbrissDas Ergebnis ist eine Abrissgesellschaft, in der Gebäude eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren haben und sterile Gated Communities das Stadtbild dominieren. Noch kann man an vielen Stellen das „low rise – high density“ Shanghai erleben, in den noch existierenden Lilong-Reihenhaussiedlungen. Nach außen sehen viele ihrer Shikumen-Häuser aus, wie viktorianische Townhouses, im inneren aber haben sie eine traditionell chinesische Struktur: Enge Split-Level Grundrisse mit kleinen Räumen und steilen Treppen. An vielen Stellen haben die Bewohner mit der Zeit die verrücktesten Anbauten ergänzt und es herrscht ein angenehmes Überangebot an kleinen Straßenlokalen. In China gilt diese diverse, spannende Lebensform als unhygienisch und rückständig und so wollen die meisten Chinesen viel lieber in einer Wohnung wohnen, von der aus man einen Ausblick auf die Wohntürmwüste hat.

Es ist kurz vor 9 und ich bin auf dem Weg zur ersten Vorlesung am Tag, Creative Design Studio bei unserer über die Maßen gesprächigen Professorin Ciao. Die chinesischen Studenten sind alle schon längst bei der Arbeit, ihr gesamter Tagesrhythmus ist ein bisschen verschoben zu meinem.

kleinteilige-wohnstrukturSie frühstücken so früh, dass ich das Frühstücksmenü der Mensa nur vom Hören kenne. Sie essen so früh zu Mittag, dass ihr Lunch manchmal zu meinem späten Frühstück wird (nämlich etwa von 11:30 bis 12:30, perfekte Brunch-Zeit nach einer langen Modellbau-Nacht). Das Abendessen in der Mensa ist auch viel zu früh für die meisten ausländischen Studenten, dafür geht man am besten in eines der muslimischen Restaurants außerhalb des Campus. Um 10 sind die meisten Chinesen schon auf ihren Zimmern, am nächsten Tag müssen sie wieder früh aufstehen um fleißig zu lernen.

Für unseren Hauptentwurf im Creative Design Studio gibt uns Professorin Ciao nur eine Vorgabe: „Home“. Nach dem ersten Projekt sinkt die Motivation der Studenten erst mal auf ein Minimum, nicht zuletzt weil die Professorin sich eine Woche Urlaub gönnt und keiner richtig etwas mit dem Thema anfangen kann. Die Lage bessert sich langsam, die Entwürfe entwickeln sich trotzdem weiter eher schleppend. Um Weihnachten reißt der Professorin der Geduldsfaden und sie droht jedem mit Nichtbestehen, der mehr als dreimal fehlt. Außerdem bekommt man einen Punktabzug für Zuspätkommen. Man fühlt sich an die Schulzeit zurück erinnert. Ich bin zu diesem Zeitpunkt zu Hause in München, sodass ich den Zornausbruch nicht ertragen muss, unter Druck bin ich jetzt trotzdem. So kommt es, dass ich am 23.12. In München bis 2 in der Nacht an unserer Abgabe für den 24.12. arbeite. Max, bei dem es schon 9 ist, schafft es dann doch noch rechtzeitig zum Copyshop und zur Präsentation.

Unser Entwurf befasst sich mit dem Problem, dass sich viele junge Chinesen nach dem Abschluss an der Universität trotz hoher Qualifikation keine Wohnung in der Stadt leisten können. Ein junger Ingenieur verdient gerademal um die 5000 RMB, ein WG-Zimmer kostet allerdings schon um die 3000. Eine weitere allgegenwärtige Herausforderung ist der Platzmangel in einer Riesenstadt wie Shanghai. Um Platz zu sparen nutzt unser Entwurf ein nicht mehr genutztes technisches Gebäude als Grundstruktur und setzt auf minimale Grundrisse und gemeinsam genutzte Räume.

Ort des EntwurfsUnser Bestandsgebäude, dessen dreieckiges Grundstück an der achtspurigen Handan Road gelegen im Norden an die Fudan Universität anschließt, scheint seit Jahren ungenutzt. Das ist leicht mit dem Umstand zu erklären, dass das Grundstück zu klein ist, um von einem großen Immobilienunternehmen verwertet zu werden – es ist ein Restgrundstück, das wohl auch in den nächsten Jahren nicht bebaut oder neu genutzt werden wird. Ein verschwendetes Potenzial in einer Stadt, in der der Mangel an Wohnraum allgegenwärtig ist.

Dieses verlassene Grundstück mit seinem minimalistisch daherkommenden Solitär haben wir zu einem Zuhause gemacht für 8 Berufsanfänger. 6 von ihnen bewohnen Kleinstwohnungen im neu eingezogenen Obergeschoss, 2 von ihnen eine zweigeschossige Wohnung im Osten des Gebäudes, sollen sich eine Küche und einen Wohn-/Esszimmer teilen. Das Konzept beinhaltet die Nutzung als Café, sodass sich eine oder mehrere der Personen etwas dazuverdienen können und das Gebäude belebt wird.

Wenn ich dieses Semester wirklich etwas neues kennen gelernt habe, was Entwurfsmethodik angeht, dann ist es das Medium des Films. Unsere Professorin hat zu jeder größeren Kritik einen Film verlangt, was für mich wirklich neu war. Wir haben wirklich großartige Kurzfilme zu sehen bekommen, mit absolut spannenden Ergebnissen, teilweise lustig, teilweise schockierend. Von Helen und Annes Trickfilm-Kindergeschichte über Vincents Dokumentation zur Prostitution in Shanghai zu unseren Interviews mit chinesischen Studenten war wirklich eine Menge guter Arbeiten dabei. Ob ich davon etwas im späteren Berufsleben gebrauchen kann ist fraglich, auf jeden Fall war es eine Bereicherung und hat Spaß gemacht. Die Interviews mit den chinesischen Studenten haben zum Beispiel unseren Entwurf stark beeinflusst. Ohne sie hätten wir nie mit Sicherheit sagen können, was die Bedürfnisse junger Chinesen sind.

Die Endpräsentation ist auch ganz gut gelaufen, nur die Gastkritiker waren ein wenig skeptisch, was die minimalen Apartments mit klappbaren Betten und Mikrobadezimmer anging. Sie hatten sich vermutlich auf luxuriöse „Creative Architecture“ gefreut, anstatt auf minimale Grundrisse und verlassene Technikgebäude. Am Ende ließen sie sich dann doch davon überzeugen, dass der Entwurf eine Geld und Platz sparende und nicht zuletzt umweltfreundliche Alternative zum chinesischen „demolish-and-rebuild“ ist. Vielleicht hat das noch wenig von „Creative Architecture“, allerdings ist das auch kein aussagekräftiger Name für ein Entwurfsstudio.

Die Endpräsentation
Nach der letzten Abgabe bin ich, wie jedes Semester, ziemlich glücklich über die freie Zeit, doch es gibt weiter viel zu tun: An dem Tag, an dem dieser Artikel erscheint, ziehe ich aus dem Wohnheim aus, ich arbeite mit einem Freund an einem Agrotourismus-Projekt in Taicang, nördlich von Shanghai, und das Semster endet wie es begonnen hat – in einer Reise.

Mit Max schaue ich mir erst Xiamen mit den Tulou-Rundhäusern in der Fujian-Provinz an, bevor es weiter über Shenzhen nach Singapur geht. Dort besuchen wir Freunde aus unserem Studium in München, die ihr Auslandsjahr dort verbringen – von den 0°C von Shanghai in die „klassischen 32°“ von Singapur, wie Kilian schreibt. Dort bleiben wir am längsten, eine Woche, bevor es für vier Nächte nach Hongkong geht. Dort überschneiden wir uns auch mit ein Freunden von der Tongji und nicht zuletzt meiner Freundin Roxana, die ich in unserem „Creative Architecture Studio“ kennen gelernt habe. Es wird viel photographiert und gezeichnet werden, wenn man schon mal nur mit Architekturstudenten unterwegs ist!

Niklas Heese
Architekturstudent