Alexander Schwab Landesgeschäftsführer der Vereinigung freischaffender Architekten Deutschland - Landesgruppe Bayern

Sterben die kleinen Architekturbüros aus? Ein Ausblick

Redaktion Archiv

Selten gab es in einem einzigen Jahr so viele Fragestellungen, die uns Architektinnen und Architekten, so unmittelbar, so intensiv und so existentiell betroffen haben – und weiter betreffen werden – wie 2015:

Die Transparenzübung der EU-Kommission, das Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wegen der HOAI, die Umsetzung der Berufsanerkennungsrichtlinie und der neuen Vergabeordnung in nationales Recht, das Vorantreiben von BIM durch das Dobrindt-Ministerium und seit Mitte des Jahres der Flüchtlingszustrom mit seinen Auswirkungen auf Normen, Bauordnung, Bauplanungsrecht und den Wohnungsbau insgesamt sind davon nur die wichtigsten.

Zu allen diesen Fragen mussten jeweils kurzfristig Antworten gegeben werden. Unser Berufsstand hat diese Herausforderungen im Zusammenwirken von Bundesarchitekten-kammer, Länderarchitektenkammern und unseren Berufsverbänden bisher zuverlässig und professionell gemeistert. Doch viele Punkte sind noch nicht gelöst.

Was aber nicht übersehen werden darf, ist die Tendenz, die sich hinter all dem verbirgt. Die noch bestehenden Regulierungen unseres weitgehend deregulierten Berufsstandes sind der EU-Kommission ein Dorn im Auge. Aber sie schützen die kleinteilige, flächendeckende und vielfältige Struktur unserer Büros sowohl im Interesse der Verbraucher als auch der Bau-kultur. Eine weitere Deregulierung würde, wie bereits in anderen Ländern geschehen, den großen Büros nützen und den kleinen und mittleren schaden.

Ähnliche Auswirkungen sind zu erwarten, wenn BIM, sozusagen mit der Brechstange, dadurch eingeführt würde, dass die öffentliche Hand für ihre Projekte den Einsatz von BIM vorschreibt. Wenn sich BIM durchsetzt, weil es für alle wirtschaftlich ist und der Nutzen größer als die Kosten, dann wäre das nur zu begrüßen. Im Moment jedoch sind die Haftungs- und die Schnittstellenproblematik so groß, dass sie nur von Generalplanungsbüros oder Generalübernehmern, bei denen alle Planer unter einem Haftungsschirm mit der gleichen Software arbeiten, gelöst werden können. Wie soll und kann sich da ein kleineres Architekturbüro behaupten?

Auch wenn wir uns gemeinsam mit Städte- und Gemeindetag vehement dagegen wehren, soll in der neue Vergabeordnung die Überschreitung des Schwellenwerts von gegenwärtig 207.000,- € durch die Addition aller Planerhonorare ermittelt werden. Das würde de facto eine Halbierung des Schwellenwertes für uns Architekten gegenüber der bisherigen Praxis bedeuten. Es würde die Pflicht zur europaweiten Ausschreibung öffentlicher Bauvorhaben bereits ab Baukosten von ca. einer Million Euro bedeuten. Und es würde dazu führen, dass Kommunen, um Geld und Zeit zu sparen, bei kleineren Bauvorhaben nicht jede Planerleistung einzeln vergeben werden, sondern, wenn möglich, an einen Generalplaner, den sie in einem einzigen Vergabeverfahren ermitteln können.

Schon heute tun sich junge und kleine Architekturbüros schwer, an öffentliche Aufträge zu kommen. Seien es die Referenzen, die für die Teilnahme an einem VOF-Verfahren gefordert werden, seien es die Referenzen, die in zweistufigen Wettbewerben verlangt werden, die schließlich nicht geliefert werden können.

Was also zeichnet sich ab? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zwar nicht alles auf einmal kommen wird, aber Stück für Stück werden die Chancen der kleinen Büros weiter abnehmen. Für Spezialisten wird es eine Vielzahl von Nischen geben, doch große Büros werden zunehmend den Ton angeben. Wer überleben will, muss sich ein Netzwerk schaffen, um flexibel auf den Markt reagieren zu können. Hier können Architektenverbände von großem Nutzen sein, bei denen man Kolleginnen und Kollegen im Rahmen verschiedenster Veranstaltungen kenne und sich gegenseitig vertrauen lernen kann.

Wappnen Sie sich, wappnen wir uns für die Zukunft, nicht durch ein veraltetes, ängstliches Konkurrenzdenken, sondern durch ein junges, für Neues offenes und kollegiales Miteinander.

 

Alexander Schwab
Vizepräsident der VfA