Gabriele Musil

Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit und Energie

Redaktion Archiv

Gabriele Musil1. Welche Themen beschäftigt die Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit und Energie aktuell?

Die Flüchtlingsthematik ist die größte, sichtbare und uns aktuell direkt betreffende Veränderung nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
Der Klimawandel, die globale Verkettung seiner Auswirkungen und seine Ursachen werden von 95 % aller Experten sehr ähnlich beschrieben und bewertet. Menschen werden ihre Heimat nicht nur wegen Krieg sondern auch wegen des Klimawandels verlassen und nach Europa fliehen.
Durch diese unsere unmittelbare, unabwendbare Betroffenheit beginnen wir das mögliche Ausmaß der Klimakatastrophe zu erahnen.
Deshalb beschäftigt sich die AG N+E mit den Fragen, wie wir unsere Einstellung ändern können, was künftig unterlassen werden muss und was im Bereich des Bauens ab sofort unternommen werden kann.

Der Klimaschutz ist und bleibt die größte Herausforderung unserer Zeit. Deshalb versucht die Arbeitsgruppe Beiträge zur Förderung von Bewusstsein, Kompetenz, Kommunikation bei Kollegen und Öffentlichkeit zu leisten, als Grundlage für eine kreative, lösungsorientierte Baukultur.
Wir haben erkannt, dass die einseitige Fokussierung auf Energieeinsparung nicht der Königsweg ist, sondern die CO2-Betrachtung im gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes maßgeblich ist. Der Blick liegt auf der CO2-armen Herstellung, auf der CO2-Vermeidung bei der Benutzung und auf der CO2-Vermeidung bei der Entsorgung. Wichtig hierbei ist auch die CO2-Bewertung von bereits verbautem Material, wenn man Gebäude umnutzt, umbaut und weiterverwendet.

Die ganzheitliche Betrachtung ist unser Ziel.

Zusammen mit der Obersten Baubehörde wollen wir eine Beratungsstelle ‚Nachhaltigkeit+Energie’ in der ByAk einrichten, in der allen an der Projektentwicklung, Planung, Bau und Betrieb Interessierten und Beteiligten die Möglichkeit zu persönlicher Beratung und gezielter Unterstützung durch erfahrene Experten geboten wird. Form und Inhalte sind weitgehend abgestimmt, ein Starttermin 2016 hängt noch an Finanzierungsfragen.
Der ‚Selbsttest Nachhaltigkeit’ (Webseite ByAk) ist ein Meilenstein für zukunftsfähiges Planerbewusstsein und neue Marktchancen. Ziel ist es, Kollegen dadurch Mut zu machen, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden und die Angebote der Akademie auch zu nutzen.

Ökologische Baustoffinformation ‚Wecobis’

Um ökologische Lebenszyklusbilanzen umsetzen zu können, bedarf es v.a. fundierter stofflicher Kenntnisse und Daten. Das Informationssystem ‚Wecobis’ (ByAk mit BMUB) ist mittlerweile den meisten Planern bekannt. Die laufende Weiterentwicklung konzentriert sich auf herstellerneutrale, konkrete Anwendungshilfen zum Planen, Bauen und Betreiben und die gezielte Verbreitung dieses Wissens.

‚Architektouren’ ‚Beispielhafte Bauten’, ‚Klimabus’

Das Erfolgsmodell ‚Architektouren’ begleiten wir mit freiwilliger Abfrage von Daten und Fakten zur Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, seit Jahren mit zunehmender Resonanz. Besonders gelungene Einreichungen werden jährlich ausgewählt, überprüft und auf der gemeinsamen Internetseite von ByAk und OBB als Beispielhafte Bauten Energieeffizientes Bauen in Bayern eingestellt. Einige werden davon ausgewählt und können auf der jährlichen Fahrt im „Klimabus“ besichtigt werden.

‚Klimabus’ in der ‚Klimaallianz’, jährliches Schaufenster

Unter dem Label ‚Klimawandel meistern’ hat die bayerische Staatsregierung zahlreiche öffentliche und halböffentliche Partner vereint. Zur alljährlichen ‚Klimawoche’ steuerte die AG EN (zum 8. mal) eine Exkursionsfahrt bei mit handverlesenen Bauten aus der o.g. Sammlung, 2015 zum Schwerpunkt Holzbau. Der Bus war ausgebucht, die ‚Architektur zum Anfassen’ wurde von munterer Diskussion begleitet.

2. Es wird auch eine Publikation geben „Energie + Nachhaltigkeit in Architektur und Stadtplanung“, was können Interessierte erwarten?

Es handelt sich hierbei primär um ein Leitwerk zur Orientierung, um auf kreativem Entscheidungsweg den Blick aufs komplexe Ganze zu erhalten. Nach intensiver Vorarbeit und Diskussion ist der Startschuss gefallen für eine besonders spannende Kooperation mit einem renommierten Autorenteam aus Darmstadt. Eine Rohfassung inklusive Grafiken soll bis Juni 2015 erarbeitet werden. Also noch ein bisschen Geduld.

3. Was sind die Forderungen der Arbeitsgruppe an Politik und Gesellschaft?

Wir werden in der nächsten Sitzung sicherlich heftig über das Thema „Sinn und Unsinn“ der ENEV 2016 diskutieren.

Hierbei stellt sich tatsächlich die Frage, ob die Verschärfung der einzuhaltenden Zielvorgaben das CO2-Einsparungsziel der Bundesregierung erreicht.
Vielleicht kommt die AG zu dem Schluss, dass es mehr Sinn machen könnte, die CO2-Baustoff-Bilanz mit zu betrachten, um z.B. die Zulässigkeit von Ausnahmen fordern zu können, als die Gebäudehülle absurd dick zu dämmen und den Einsatz regenerativer Energien zu fordern, wo vielleicht gar keine sind.
So gibt es die Idee, z.B. die CO2-Ersparnis bei Verwendung von Holz (fast CO2-neutral) oder bei der Mitverarbeitung bereits vorhandener Bausubstanz mit dem zu erwartenden Energiebedarf gegen rechnen zu können, wenn dann z.B. „nur“ die ENEV 2009 einhalten wird.

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, denn bis eine weltweite CO2-Steuer kommt, werden sich noch viele Menschen auf den Weg machen müssen um zu überleben.

Auf jeden Fall werden wir nicht müde, unser Bestes zu geben, denn der Slogan der Architektenkammer sagt: „Wir haben den Plan“.

 

Dipl. Ing. Univ. Gabriele Musil
Vorsitzende der Arbeitsgruppe Energie + Nachhaltigkeit
Architektin VfA

 

Das Interview führte Carla Stadler (querplan GmbH)